Fehler vermeiden: Mentale Kontoführung

Ein Euro ist ein Euro. Und dennoch bewerten wir den Wert eines Euros sehr unterschiedlich, je nach Kontext und Situation. Einen Erklärungsansatz liefert Richard. H. Thaler, der 2017 als Verhaltensforscher den Wirtschafts-Nobelpreis erhielt. Thaler erklärt bestimmte Verhaltensweisen mit dem Konzept des „Mental Accounting“. Jeder von uns, so seine These, betreibt „mentale Buchführung“. Was bedeutet das konkret?

Wie würden Sie sich entscheiden?

Sie stehen an der Theaterkasse und stellen fest, dass Sie Ihr Ticket verloren haben, das Sie für 30 Euro im Vorverkauf erworben haben. Gehen Sie nach Hause oder kaufen Sie ein neues Ticket?

Sie haben ein Auto, fahren aber nur wenige Kilometer im Jahr um Ihre Einkäufe und gelegentliche Besuche zu erledigen. Verkaufen Sie das Auto und fahren Sie künftig mit dem Taxi, was in Summe billiger ist?

Sie sehen ein teures Kleid für 500 Euro. Es ist Ihnen zu teuer und Sie entscheiden, es nicht zu kaufen. Ihr Mann bekommt das mit und schenkt Ihnen das Kleid zum Geburtstag. Sie führen ein Gemeinschaftskonto. Freuen Sie sich?

Sie erhalten eine Gutschrift über 300 Euro aufgrund einer Reklamation. Sie gehen mit Ihrem Partner am Wochenende Ausessen. Gönnen Sie sich mehr als normal?

Sie haben eine unvorhergesehene Ausgabe. Ihr laufendes Konto reicht nicht aus. Nutzen Sie den teuren Dispokredit oder gehen Sie an Ihr Erspartes?

Sie können mit Karte / Smart-Phone bezahlen statt bar. Fällt Ihnen die Ausgabe leichter?

Sechs Beispiele aus dem Leben. Wie würden Sie entscheiden? Logisch oder psycho-logisch? Klick um zu Tweeten

 

Das Konzept der mentalen Kontoführung

Zahlreiche Experimente zeigen, dass wir nicht das tun, was logisch ist. Haben Sie diese Beobachtung auch schon gemacht, womöglich nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst?

Richard H. Thaler beschäftigt sich damit, wie psychologische Faktoren, unser wirtschaftliches Handeln beeinflussen. Er erklärt Verhalten – wie in den Beispielen oben geschildert – mit dem Konzept der mentalen Kontoführung.

Mentale Kontoführung: Wir verbuchen Einnahmen und Ausgaben kontextabhängig auf verschiedenen Konten. Klick um zu Tweeten

Nehmen wir das Beispiel Auto oder Taxi. Ich erlebe es bei meiner Mutter. Sie fährt sehr wenig Auto, würde aber niemals ein Taxi nehmen. Rein mathematisch ist der Fall klar. Das Auto ist viel teurer. Warum fällt es ihr dennoch so leicht, Geld für das teure Auto auszugeben und so schwer, Geld für eine Taxifahrt auszugeben? Ausgaben für das Auto verbucht sie vom Konto „Freiheit, Unabhängigkeit“. Eine Taxifahrt hingegen ist für sie purer „Luxus“ und damit Geldverschwendung. Hinzu kommt, dass sie vom Taxifahrer abhängig ist. Ihr „Budget“ für Freiheit ist viel höher als für Luxus. Da sie beides gedanklich auf verschiedenen Konten verbucht, ist ihr der Gedanke es 1:1 zu verrechnen suspekt.

 

Warum führen wir mentale Konten?

Alle Ein- und Ausgaben auf einem Konto zu verrechnen, ist im Alltag zu komplex. Es überfordert uns. Wie sollen wir die 1,75 Euro für die Butter und den Benzinpreis von 1,55 Euro/Liter mit den 2.348 Euro für die Urlaubsreise nach Asien in Beziehung setzen?

Wir kategorisieren daher unsere Geldflüsse und ordnen die einzelnen Einnahmen und Ausgaben unterschiedlichen Konten zu. Ganz so, wie dies Unternehmen tun. Diese stellen Budgets für verschiedene Bereiche auf und führen Konten. Das ermöglicht es ihnen, mit vielen handelnden Personen nach einem System zu arbeiten und die Kontrolle zu bewahren.

Auch bei Unternehmen gibt es Fehlentwicklungen: Eine dringend benötigte Ausgabe kann nicht getätigt werden, während in einem anderen Bereich Geld bedenkenlos ausgegeben wird. Am Jahresende werden unnötige Ausgaben getätigt, nur um das Budget auszuschöpfen. Denn wer sein Budget nicht ausschöpft signalisiert, dass er weniger braucht.

Wie viele Konten führen Sie bei Banken und in Ihrem Kopf? Wann hilft es verschiedene Konten zu führen und wann schadet es uns? Klick um zu Tweeten

 

Fünf Nützliche Tipps

Die Grundidee, Budgets zu bilden, ist sinnvoll. Sie reduziert die Komplexität und erleichtert die Kontrolle. Kritisch ist jedoch alles, was unbewusst abläuft.

Deshalb überlegen Sie sich ein System und entscheiden Sie bewusst.

  1. Werden Sie sich bewusst, dass Sie mentale Buchführung betreiben. Bilden Sie bewusst Budgets oder Konten für Bereiche, die Ihnen wichtig sind.
  2. Trennen Sie laufende Ausgaben von Sparvorgängen oder langfristigen Zielen. Aber übertreiben Sie es nicht, sonst wird es unübersichtlich. Drei Ebenen haben sich bewährt:
    1. Laufendes Konto, auf das Sie Ihre laufenden Einnahmen buchen und von dem Sie Ihre regelmäßigen Ausgaben tätigen.
    2. Reserven und Rücklagen-Konto. Bilden Sie eine Reserve für unvorhergesehene Ausgaben (2-3 Monatseinnahmen). Und Rücklagen für alle Ausgaben in der Zukunft, die Sie planen (Ersatzanschaffungen von Auto, Möbel, Geräten – Urlaub – Anschaffungen)
    3. Vorsorgekonto für Ziele auf die Sie langfristig sparen wie die Ausbildung der Kinder oder Ihre Altersvorsorge.
  3. Lassen Sie nur das auf dem laufenden Konto, was Sie benötigen. Wollen Sie monatlich feste Beträge sparen, so buchen Sie diese unmittelbar nach Einkommenseingang ab und nicht erst am Ende.
  4. Automatisieren Sie alle Sparvorgänge durch Dauerauftrag oder Lastschrifteinzug.
  5. Treten Sie in regelmäßigen Abständen (z.B. jährlich) gedanklich einen Schritt zurück und betrachten nicht nur Ihre einzelnen Konten, sondern das große Ganze. Wo verschwenden Sie Geld und wo knausern Sie?

 

Was Anleger beachten sollten

Mentale Buchführung beeinflusst auch die Geldanlage. Eine zentrale Rolle spielt, dass wir Gewinne und Verluste nicht gleich wahrnehmen. Daniel Kahneman, ein anderer bedeutender Verhaltensforscher und Wirtschafts-Nobelpreis-Träger hat das Konzept der „Verlustaversion“ entwickelt. Er hat gemessen, dass für Menschen Verluste stärker wiegen als Gewinne. Vereinfacht ausgedrückt wiegt unsere Freude an einem Gewinn von 100 Euro emotional nur halb so schwer wie unser Frust über einen Verlust von 100 Euro. Dabei spielt ein anderer psychologischer Effekt eine Rolle, unser Besitzstandsdenken („Endowment-Effekt“). Es fällt uns schwer wegzugeben, das wir bereits besitzen.

Die Mischung machts. Bei der Vermögensanlage kommt es auf das Portfolio, an. Entscheidend ist, was unter dem Strich rauskommt. Klick um zu Tweeten

Wer stattdessen die einzelnen Wertpapiere betrachtet, begibt sich in Gefahr, die Diversifikation zu vernachlässigen und damit den effektivsten Schutz gegen Risiken. Indem wir Anlagen wählen, die wenig korrelieren (nicht gleichlaufen), streue wir das Risiko und erhalten einen schwankungsärmeren Verlauf des Gesamtportfolios.

Wer die einzelnen Wertpapiere betrachtet, findet immer Gewinner und Verlierer. Wir neigen dazu, Gewinne mitzunehmen – frei nach dem Motto: Was ich habe kann mir keiner mehr nehmen. Verluste hingegen werden ausgesessen – frei nach der Devise: Ein Verlust steht erst fest, wenn er realisiert ist. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Depots von Anlegern, die nach diesen Grundsätzen verfahren weisen nach einiger Zeit überdurchschnittlich viele „Depotleichen“ auf. So nennet man Werte, die völlig zusammengebrochen sind und kaum noch das Potenzial zur Erholung haben.

Da Kurse den übergeordneten Trend haben zu steigen, wäre es sinnvoller umgekehrt vorzugehen: Gewinne laufen lassen und Verluste begrenzen. So nehmen Sie positive Entwicklungen voll mit und verhindern, dass Negativtrends großen Schaden anrichten.

 

Einfach und effektiv: Prognosefreies Investieren

Unabhängig vom zwischenzeitlichen Auf und Ab sind Aktienmärkte als Ganzes langfristig gestiegen.

Aktien-Prämie: Investieren lohnt sich. Aktien haben im Durchschnitt eine höhere Rendite als Renten. Klick um zu Tweeten

Die Aktien-Prämie ist eine Belohnung für Risiko und Disziplin. Wer auf Prognosen verzichtet und ein Portfolio passend zum eigenen Risikoprofil zusammenstellt, der kann eine simple „Buy and Hold-Strategie“ fahren. Schwankungen werden durch breite Diversifikation reduziert und im Verlauf einkalkuliert. Das vermeidet

  • Kosten für Transaktionen
  • Taktische Fehlentscheidungen
  • Und Entscheidungsstress durch ständiges entscheiden müssen.

 

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